BLACKNESS

 

„Let`s fill our hearts with blackness“ – mit diesen Worten beginnt Blackness, das zweite Album der Alpentines. Und man möchte erschrecken ob dieser unverhohlenen Aufforderung zum Abstieg in Düsternis. Doch es ist viel mehr, was uns die Band in den kommenden sieben Stücken abverlangen wird: Es geht um Verdichtung, Konzentration und Neuentdeckung rudimentärer Begrifflichkeiten wie Zeit, Wahrnehmung und der ultimativen kosmischen Größe: Liebe.

 

Keine Angst! Blackness ist weder eine zu Musik gewordene Powerpoint- Präsentation noch die instrumentale Entsprechung eines Seminars in Astrophysik. Alpentines musikalische Heimat ist Popmusik, in all ihrer anrührenden Größe und immanenten Nähe zum Herzen. Wie vor nunmehr zwei Jahren, auf dem großartigen Debütalbum Silence Gone, nimmt sich das Quartett das Format des Popsongs als Vehikel für zutiefst persönliche Betrachtungen unserer Zeit. Doch etwas ist passiert.

 

Dem Album voran und die sieben Songs quasi überspannend standen Überlegungen zum großen Ganzen, zu den Widersprüchen unserer gelebten Wirklichkeit und zu den Möglichkeiten, all dem etwas Schönes entgegenzusetzen. „Es geht um Verdichtung“, ist dabei einer der Teilsätze von Sänger Kay Lehmkuhl, die am besten erklären, warum das Alpentines-Konzentrat auf Blackness so direkt, vertraut und pointiert klingt. Verdichtung, die wir in der Struktur eines Songs erleben, analog zur Verdichtung von Materie in einem Schwarzen Loch oder dem oft herbeifabulierten „Verschmelzen von Zeit und Raum“. Was natürlich Unsinn ist, weil wir das Konzept von Zeit nicht einmal als objektive Größe formulieren können.

Noch so ein Thema, um das Stücke wie „Sharks In Pictures“ kreisen. „Gravitation / It's not that things are / They simply happen“ heißt es dort und wirft im Vorbeirauschen eines 4-Minuten- Songs, der zwischen den Polen Jeff Buckley und Andy Shauf oszilliert, die ganz großen Fragen auf:

 

Warum stehen wir mit den Füßen auf dem Boden? Newton meinte, weil sich Massen anziehen, Einstein sagte, weil sich die Raumzeit krümmt. Leben wir aber in der Zeit oder lebt die Zeit vielleicht nur in uns? Gibt es „die Zeit“ am Ende gar nicht? Während sich Alpentines an diesen Fragen textlich reiben, Materie als Energie in Bewegung versetzen und zu den Sternen aufblicken, schreiben sie mit „Low Light“ eine herzzerreißende Ode an das Licht in dir und mir. Und es wird klar: Wir brauchen keine Antworten, nur die Gewissheit, dass wir dem Streben nach Objektivität immer auch große Fragezeichen folgen lassen müssen.

 

„Everyone is fighting / And the night will love us all“ beendet das Album mit der eigentlichen Essenz, dem wohltuenden Effekt der nächtlichen Schwärze, die alles gütig zudeckt und umschließt. Am Ende klingt „And The Night“ wie ein somnambuler Cliffhanger im Staffelfinale einer dystopischen Endzeitserie. Nicht dramatisch und aufgekratzt, aber ergebnisoffen und anrührend. Was passiert, wenn die Sonne aufgeht? Wenn die Zeit eben doch vergeht und den Blick abermals freigibt auf all den Dreck, der gestern im Dunkel versank? Wir lauschen der zaghaft durchbrochenen Stille und lesen die Worte des Physikers:

 

„Gesang ist, wie Augustinus bemerkte, das Bewusstsein von Zeit. Er ist die Zeit, ist wie der vedische Hymnus, der selbst das Erblühen von Zeit ist. (...) Gespannt halten wir den Atem an, spüren auf geheimnisvolle Weise, dass hier die Quelle des Sinns, der Urquell der Zeit liegt.“ (aus Carlo Rovelli „Die Ordnung der Zeit“)

Kurt Fuhrmann, Philipp Gosch, Kay Lehmkuhl, Marian Menge