„Guess it all makes sense“ heißt es ganz zu Anfang des Albums. Vermuteter Sinn im Leben, Glauben und Lieben sind die Richtschnur, an der sich 10 Stücke erhabener musikalischer Schönheit aufreihen. Alpentines veröffentlichen theoretisch ihr Debüt, praktisch eine der schönsten künstlerischen Momentaufnahmen unserer Zeit. Pop oder Rock sind schnöde Kategorien. „Silence Gone“ ist etwas anderes als Trend, Richtung oder Mode. Großes Gefühl, das seinen Weg unter deine Haut findet. Garantiert.

Die Band, die sich aus allen Himmelsrichtungen kommend in Köln formierte, atmet Geschichte „relativ erfolglosen Musikmachens“, obwohl das Kenner anders beschreiben würden. Die vier Musiker spielten bei Bands, die knapp unter dem Radar des großen Musikzirkus bereits Großes geleistet haben – Tulp, Voltaire und Lichter. Die Prämisse der Alpentines war eine gewisse Scheiß-Egal-Haltung, eine Nicht-Erwartung und damit einhergehend ein großer Freiraum, das zu tun, was – nach einer EP im Mai 2016 – schließlich im Bremer Studio Nord und dem eigenen in Köln zum ersten Album wurde.

Labels wurden kontaktiert, Leute gefragt, Einschätzungen gemacht. Manche sagten, das sei „nichts für den deutschen Markt“ und verspielten damit ihre Glaubwürdigkeit. Denn: na und? Musik ist keine Kartoffel, sie kommt überall hin, und überall an. Und wenn ein Album 2018 überall ankommen sollte, so ist es dieses.

In stillem Einvernehmen mit ganz großen Namen der Musikgeschichte arbeiten sich Alpentines an Themen des Ich und Du ab. Der Blick nach innen folgt dem nach außen, Politik macht etwas mit dir, ebenso wie die Menschen um dich herum. Verdrossenheit, Angst und Verzweiflung werden mit Reflexion oder Reaktion gekontert. Spiritualität hat hier ebenso einen Platz wie die Flucht in die kleinste Beziehungseinheit. Wahrheiten werden ausgesprochen und akzeptiert. Das alles kann diese Musik und sie traut es sich. Oder wie Sänger Kay es formuliert: „Es ist OK, auch mal einfach ratlos zu sein, oder innezuhalten. Es geht um das Infragestellen der eigenen Wahrnehmung und nicht um simple Erklärungsmuster.“

Der musikalische Rahmen, wenn schon Referenzen sein müssen, wurde aus den Tugenden von Bands wie Elbow, Wilco oder frühen Radiohead gezimmert, ergänzt durch produktionstechnische Opulenz, Bläser, majestätische Soundscapes und intelligent verzahnte Gitarren. Das Titelstück schwingt sich innerhalb von drei Minuten von einer countryesken Ballade über die Entfremdung innerhalb einer Beziehung zum epischen Großformat auf. „It Opens“ lautmalt in schwelgerischen Klängen das offene Meer vor dem geistigen Auge. Das breitwandige Finale von „OL 35“ lässt die 1970er eines Alan Parsons auferstehen. Die „Dark Days“ zerren im düsteren Takt der unbarmherzigen sozialen Medien das Hier und Jetzt auf die Bühne. Da sind der scheinbar fröhliche Zausel in „Mount Molehill“, der sein Leben barfuß verlässt, und das eigenartige Mantra im Refrain des cleveren „Fragile“, dessen Strophenthema, die Liebe, eher ein Ablenkungsmanöver zu sein scheint. Und auch das seltsam ätherische Schweben in „Yoga Yassin“ existiert nicht im luftleeren Raum, es dringt vielmehr tief ins Bewusstsein des Hörers ein. Alpentines haben mehr als die Summe eines Albums geschaffen. Und darum geht es.

Es gibt unzählige Momente auf „Silence Gone“, die einem den Glauben an das Gute in der Welt zurückgeben, ohne den Zweifel komplett zu nehmen. Schließlich heißt es in „Abberations“, dem letzten Stück des Albums „Yes we learn“. Der Sinnfindung folgen neue Fragen, neue Erkenntnisse. Der Kreis schließt sich, wir alle fangen irgendwie ständig wieder von vorne an. Dieser Anfang jedoch gehört Alpentines.

Carsten Sandkämper

 

English Version

"Guess it all makes sense" is the beginning of the record. Suspected meaning in life, faith and love are the topics on which 10 pieces of sublime musical beauty thread. Although Alpentines may just be releasing their debut, they have certainly created one of the most beautiful artistic snapshots of our time. Pop or rock are just categories. "Silence Gone" is something other than trend, direction or fashion. It is a great feeling that finds its way under your skin. Guaranteed.

The band, which formed in Cologne, coming from all directions, is breathing history of "relatively unsuccessful music making", although the connoisseur would describe it differently. The four musicians played in bands that already have done well, under the radar of the big music circus,  Tulp, Voltaire and Lichter. The premise of the Alpentines was a certain not-giving-a-damn attitude, a non-expectation and, consequently, a great deal of freedom to do what finally became the first album, recorded in Studio Nord, Bremen and their own in Cologne, following an EP in May 2016.

Labels were contacted, people asked, assessments made. Some said that this was "nothing for the German market" and thus lost their credibility. Because: so what? Music is not a potato, it gets everywhere and attains attention everywhere. And if an album should get anywhere in 2018, it surely is this.

In quiet agreement with big names in the history of music, Alpentines work on themes of the self and you. The inward look follows the outward, politics does something with you, as do the people around you. Disappointment, fear and despair are countered with reflection or reaction. Spirituality has a space here as well as the escape into the smallest relationship unit. Truths are pronounced and accepted. This music is capable of all this and does it. Or, as singer Kay puts it: "It's OK to just be at a loss, or to pause for a moment. It is all about questioning one's own perception and not about simple explanatory patterns."

The musical framework, if references are necessary, was crafted from the virtues of bands like Elbow, Wilco or early Radiohead, complemented by productional opulence, brass, majestic soundscapes and intelligently interlocking guitars. The title tune swings within three minutes from a country-like ballad about alienation within a relationship into an epic large format. "It Opens" echos in voluptuous sounds the open sea in the mind's eye. The wide-walled final of "OL 35" raises the 1970s of Alan Parsons. The "Dark Days" pull the here and now on the stage in the gloomy beat of relentless social media. There is the seemingly happy codger in "Mount Molehill", who leaves his life behind, barefoot, and the peculiar mantra in the chorus of the clever "Fragile," whose verse topic, love, seems more of a distraction tactic. And even the strange ethereal floating in "Yoga Yassin" does not exist in a vacuum, it rather penetrates deep into the consciousness of the listener. Alpentines have created more than the sum of an album. And that's the point.

There are countless moments on "Silence Gone" that give one back a belief in good in the world, without removing the doubt completely. Finally in "Abberations", the last track of the album, they say "Yes we learn". The search for meaning is followed by new questions, new insights. The circle closes, we all somehow start all over again. This beginning, however, belongs to Alpentines.

Carsten Sandkämper

 

 

 

Kurt Fuhrmann, Marian Menge, Kay Lehmkuhl, Philipp Gosch